Nach 24 Jahren unabhängiger Hilfe für die afghanische Bevölkerung: ÄRZTE
OHNE GRENZEN verlässt Afghanistan nach Mord und Drohungen
Berlin, 28. Juli 2004. Die Hilfsorganisation ÄRZTE OHNE GRENZEN hat
die Beendigung aller Projekte in Afghanistan angekündigt. Mit dieser
Entscheidung zieht die Organisation die Konsequenzen aus dem Mord an
fünf ihrer Mitarbeiter. Am 2. Juni 2004 wurde ein Fahrzeug von ÄRZTE
OHNE GRENZEN in einem Hinterhalt in der nordwestlichen Provinz
Badghis gezielt angegriffen. Die fünf Mitarbeiter wurden erschossen.
Dieser gezielte Mordanschlag ist beispiellos in der Geschichte der
Organisation, die seit mehr als 30 Jahren in vielen der
gewalttätigsten Konflikte weltweit tätig ist.
Obwohl ÄRZTE OHNE GRENZEN von Regierungsvertretern glaubwürdige
Beweismittel erhalten hat, dass lokale Kommandeure den Angriff
ausgeführt haben, wurden diese weder verhaftet noch wurde ihre
Festnahme öffentlich verlangt. Dies zeigt, dass die afghanische
Regierung ihrer Verantwortung nicht nachkommt, die Sicherheit von
humanitären Helfern im Land zu gewährleisten.
Nach dem Mordanschlag hat zudem ein Sprecher der Taliban die
Verantwortung für die Tat übernommen. Er erklärte, dass
Organisationen wie ÄRZTE OHNE GRENZEN für amerikanische Interesse
arbeiteten und deshalb mit weiteren Angriffen rechnen müssten. Diese
Anschuldigung ist ÄRZTE OHNE GRENZEN zufolge falsch und
ungerechtfertigt. Eines der wichtigsten Prinzipien der Organisation
war stets die klare Trennung der humanitären Hilfe von politischen
Interessen. Die Hilfe von ÄRZTE OHNE GRENZEN orientiert sich allein
an den Bedürfnissen der Not leidenden Menschen. Die Drohung der
Taliban stellt eine Weigerung dar, unabhängige und unparteiische
humanitäre Hilfe zu akzeptieren.
In den vergangenen 24 Jahren hat ÄRZTE OHNE GRENZEN in Afghanistan
medizinische Hilfe geleistet, unabhängig davon, welche politische
Partei oder militärische Gruppierung gerade an der Macht war. "Es
macht uns wütend und traurig, dass wir die afghanische Bevölkerung
nach so vielen Jahren in ihrer Not allein lassen müssen", erklärte
Marine Buissonnière, Generalsekretärin von ÄRZTE OHNE GRENZEN. "Doch
wir können die Sicherheit unserer Kollegen nicht auf's Spiel setzen,
wenn Kriegsparteien humanitäre Helfer zur Zielscheibe erklären.
Letztendlich werden die Kranken und Bedürftigen darunter am meisten
leiden."
Die Gewalt gegen humanitäre Helfer spielt sich vor dem Hintergrund
einer zunehmenden Instrumentalisierung der Hilfe durch die
US-geführte Koalition in Afghanistan ab. ÄRZTE OHNE GRENZEN zufolge
missbrauchen die Koalitionsstreitkräfte die Hilfe beständig für ihre
militärischen und politischen Ziele und versuchen damit, die "hearts
and minds" der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Dadurch wird
humanitäre Hilfe nicht mehr als unparteilich und neutral angesehen.
Dies wiederum gefährdet die Helfer und die Hilfe selbst. Erst am 12.
Mai 2004 hatte ÄRZTE OHNE GRENZEN öffentlich gegen die Verteilung
von Flugblättern der Koalition protestiert. Darin wurde die
Bevölkerung aufgefordert, Informationen über die Taliban oder Al
Kaida weiterzugeben, wenn sie weiterhin humanitäre Hilfe erhalten
wolle.
Mehr als 30 Helfer wurden seit Anfang 2003 in Afghanistan getötet.
Die Ermordung der fünf Mitarbeiter von ÄRZTE OHNE GRENZEN, die
Unfähigkeit der afghanischen Regierung, die Schuldigen festzunehmen
sowie die falschen Anschuldigungen der Taliban haben es für ÄRZTE
OHNE GRENZEN unmöglich gemacht, weiterhin die afghanische
Bevölkerung zu unterstützen.
Bis zur Ermordung der fünf Mitarbeiter arbeitete die Organisation
mit 80 internationalen sowie 1.400 afghanischen Mitarbeitern in 13
Provinzen des Landes. Die Aktivitäten umfassten Programme zur
Basisgesundheitsversorgung, zur Verbesserung der Frauengesundheit
sowie Tuberkuloseprojekte. In den kommenden Wochen wird ÄRZTE OHNE
GRENZEN alle Programme an das afghanische Gesundheitsministerium
sowie andere Organisationen übergeben.
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