Mamaia, Rumänien, 09.06.2004 (68153 Kilometer)
Malko Turnovo liegt ein paar Kilometer hinter und ein paar Hundert Höhenmeter unter dem Grenzübergang. Es ist zwar als mittlere Stadt in der Landkarte verzeichnet, doch als ich hindurchfahre, bin ich froh, bereits oben an der Grenze Geld getauscht zu haben. Die Stadt wirkt äußerst provinziell, ziemlich heruntergekommen und hat möglicherweise auch gar keine Bank. Es herrscht eine gewisse Rückständigkeit, die zwar keinesfalls unsympathisch ist, mich aber überrascht. Es sieht so aus, als wäre der Westen der Türkei um einiges moderner als Bulgarien. Das wundert mich auch deswegen, weil der Bulgarische Lew inzwischen fest an den Euro gekoppelt ist - übrigens exakt in dem Verhältnis, in dem die D-Mark zum Euro steht. Ein Lew ist also genau eine DM wert.

Nachdem ich mich nun monatelang in einer Welt mit islamischer Kleiderordnung bewegt habe, ist die Freizügigkeit der bulgarischen Frauen in den ersten Tagen ein wenig irritierend. Äußerst aufreizend gekleidet, stolzieren sie auf hochhackigen Schuhen in engen, kurzen Röcken durch die Straßen der Städte, geradezu wie bei einem Schaulaufen. Figurbetonende Oberteile ohne BH, manchmal auch ein bißchen durchsichtig - der Kontrast zur benachbarten Türkei ist gewaltig. Unterbewußt begleitet mich eine Zeitlang der Eindruck, daß hier jede zweite Dame käuflich ist, und ich kann gut nachvollziehen, daß besonders die Besucher aus islamisch geprägten Ländern in dieser anderen Welt einiges mißverstehen.
Ich bleibe nur kurz in Bulgarien, raste nur jeweils einen Tag am Strand nördlich von Burgas und in der Kulturstadt Varna. Schon nach vier Tagen reise ich wieder aus, nach Rumänien. Übermorgen wird mein Bruder Max nach Constanza kommen, wird sein Fahrrad mitbringen und mich für ein paar Wochen begleiten. Wie schon im Sommer 2001 zwischen Nairobi und Lusaka. Zwei Monate waren wir damals zusammen. Er war der letzte, den ich von meiner Familie sah. Vor drei Jahren. Und übermorgen werden wir uns wiedersehen!