Serakhs, Afghanistan, 19.03.2004 (62613 Kilometer)
Die beiden iranischen Lastwagenfahrer haben bereits Manat-Scheine im Wert von zwei Dollar pro Mann über die Theke geschoben. Schien für sie selbstverständlich zu sein. Als sie zu diesem Schalter zurückkommen, reden sie mit dem Soldaten über mich; möglicherweise bitten sie ihn, mich nicht zu schikanieren. Danach geht es tatsächlich schneller. Nach knapp zwei Stunden bin ich durch. Die anschließende Zollkontrolle läßt sich mit demonstrativem Humor auf fünf Minuten reduzieren. Der Zöllner ist wesentlich zugänglicher als der introvertierte Langweiler von der Immigration.
Wieder zurück auf der Wüstenpiste, schaffe ich gerade einmal fünf Kilometer in der Stunde. Der Weg ist hier noch sandiger als auf der afghanischen Seite. Doch nach fünf Stunden Frust geht die Piste urplötzlich in eine gute Teerstraße über. So läßt sich die Bilanz an diesem ersten Tag wenigstens noch auf 75 Kilometer steigern.

Mehr als einen Tag nach der Einreise erreiche ich den ersten Ort in Turkmenistan. Es ist die Kleinstadt Kerki. Erst hier macht sich der Unterschied zwischen den beiden Ländern bemerkbar - Welten liegen dazwischen. Die Häuser stehen ungeschützt direkt an der Straße, sind nicht burgenartig aufgebaut und nicht von Mauern umgeben. Die Menschen ziehen sich zum Essen nicht in einen finsteren Raum zurück, sondern genießen im Freien die Frühlingssonne. Es gibt auch wieder Frauen mitten in dieser Welt. Sie müssen sich nicht an den Rand drücken oder sich in abgelegene Zimmer zurückziehen. Hier laufen sie ohne Schleier durch die Straßen und oft auch allein. Ohne Begleitung des Vaters, Bruders oder Ehemannes. Bei der Eßbude, die in einem gemütlichen Garten gefüllte Teigtaschen serviert, fängt die Bedienung sogar ein klein wenig an zu flirten.
Vor der Weiterfahrt aus Kerki hole ich mir in der Hauptstraße noch ein Softeis. Eigentlich mag ich Softeis gar nicht so recht, das letzte habe ich möglicherweise vor 30 Jahren gegessen. Aber irgend etwas in mir dirigiert mich zu der Eisbude. Da ich mangels Sprachkenntnissen den Preis nicht erfragen kann, lege ich einen 5000-Manat-Schein hin, knapp 40 Pfennige. So viel - oder so wenig - hatten zuvor die fünf gefüllten Teigtaschen gekostet, das Softeis sollte also nicht teurer sein. Die Dame gibt fünf Münzen zurück: 4500 Manat. Unglaublich, das Eis kostet gerade mal vier Pfennige.
Während ich am Straßenrand sitze und das Eis esse, kommt niemand herbei, um mich anzuschauen. Es versammelt sich keine Gruppe um mich herum, niemand rückt bedrohlich nah an das Fahrrad und die Packtaschen heran. Nur ein paar Passanten schauen im Vorübergehen ganz kurz zu mir herüber. Ich bleibe nahezu unbeachtet. So etwas gab es seit Laos nicht mehr.
Ich investiere noch einmal vier Pfennige und hole das zweite Softeis seit dreißig Jahren. Setze mich wieder für jeden sichtbar auf den Plastikstuhl an der Hauptstraße. Aber alle gehen vorüber. Was für ein Land!