Serakhs, Afghanistan, 19.03.2004 (62613 Kilometer)
Westlich der Stadt wird die Besiedlung wieder dünner, die Landschaft wieder öde. Nur zwei größere Orte gibt es noch auf den 240 Kilometern bis zur Grenze: Sheberghan und Andkhvoy. In Sheberghan übernachte ich, im staubigen Andkhvoy verlasse ich am Mittag des nächsten Tages die Hauptpiste und biege nach Norden ab. Dieser Nebenweg scheint geradewegs ins Nichts zu führen, ist mal rauh, mal sandig - mehr als sieben Kilometer in der Stunde sind nicht drin. Erst am Abend taucht am Horizont der Grenzposten auf; gottverlassen liegt er in der Halbwüste, die sich Afghanistan und Turkmenistan teilen. Außer mir warten zwei iranische Lastwagenfahrer hier auf den nächsten Morgen - der Übergang ist freitags geschlossen.

Um sechs Uhr stehe ich am nächsten Tag auf, denn nun rieselt die Sieben-Tage-Sanduhr. Doch die Schranken öffnen sich erst um neun. Wie ärgerlich. - Der afghanische Grenzbeamte hat dann arge Schwierigkeiten mit meinem Visum, weil er mit den beiden unterschiedlichen Fristen nichts anzufangen weiß. Da ist zum einen die Gültigkeit, die besagt, daß ich spätestens drei Monate nach der Ausstellung eingereist sein mußte, und zum anderen die genehmigte Aufenthaltsdauer von einem Monat. Er rechnet lange herum und kommt zum Glück auch mit seiner Fehlinterpretation zu dem Schluß, daß ich die Fristen eingehalten habe.
An sich aber ist der Mann korrekt und in keiner Weise auf Bestechungsgeld oder Geschenke aus. Ganz anders geht es ein paar Hundert Meter nördlich zu, wo die turkmenischen Grenzer sofort ihrem weitverbreiteten Ruf gerecht werden. Sie versuchen, dich weichzukochen, indem sie auf Zeit spielen. Zunächst einmal tut der Soldat, der meine Paßdaten in seine Formulare übertragen soll, eine Viertelstunde lang gar nichts. Dann zeigt er im Paß auf meinen Nachnamen und fragt, ob das der Familienname sei. - "Ja", antworte ich. - Danach geschieht wieder eine Zeitlang nichts. Nach zehn Minuten zeigt er auf meinen Vornamen im Paß: "Ist das der Vorname?" - "Ja, das der Vorname."
So geht das weiter mit Geburtstag, Geburtsort, Ausstellungsdatum des Passes, Ablaufdatum des Passes, der ausstellenden Behörde. Alles Ernstes richte ich mich auf eine Übernachtung an dieser einsamen Grenzstation ein. Dann allerdings wäre die Bilanz am ersten von sieben Tagen Turkmenistan: 0 Kilometer von 850. Und ich habe noch keine Ahnung, was für Straßen mich erwarten, wie schnell man in diesem Land vorankommt.
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