Serakhs, Afghanistan, 19.03.2004 (62613 Kilometer)
Viktor will sogleich Fahrrad und Gepäck in seinen Wagen einladen, aber ich erkläre ihm lächelnd, daß das doch nicht erlaubt ist: "Was immer ich radeln kann, will ich auch wirklich radeln." - So treffen wir uns also zwei Stunden später im Zentrum von Mazar wieder und fahren von dort gemeinsam zum Haus von Hans van de Weerd. Bei dem Holländer wohnt zur Zeit auch der Brite Dan, der gerade eine privat finanzierte Hilfsorganisation zur Ausbildung afghanischer Frauen und Mädchen aus der Taufe hebt. Dan ist ernsthaft überrascht, daß ich die Reise von Kabul nach Mazar mit dem Fahrrad heil überstanden habe. "Vielleicht ist die Lage in Afghanistan besser, als wir hier alle glauben", bemerkt er zu Viktor.
Hans, der für die Flüchtlingshilfsorganisation ZOA arbeitet, redet mir an diesem Abend kräftig ins Gewissen. Wenn mir etwas zustieße, betreffe das nicht nur mich selbst. Das sei dann auch eine politische Angelegenheit, die dazu führen könne, daß sich Hilfsorganisationen aus dem Gebiet zurückziehen müssen. Die letzten 350 Kilometer vor Herat seien wirklich extrem gefährlich, insbesondere wegen der vielen Banditen. Das deckt sich mit Berichten, die ich in den letzten Tagen aufgeschnappt hatte. Einige Regionen nördlich von Herat, sagt Hans, habe inzwischen sogar "Ärzte ohne Grenzen" schon aufgegeben. Das ist für mich die schrillste Alarmglocke an diesem Abend - die "Ärzte ohne Grenzen" sind nämlich üblicherweise die letzten, die ein Krisengebiet verlassen.

Zwei wichtige Informationen, die das Ausweichen durch die Ex-Sowjetstaaten betreffen, bekomme ich auch gleich an diesem ersten Abend in Mazar: Gut 200 Kilometer westlich gibt es einen direkten Grenzübergang nach Turkmenistan. Der ist zwar auf keiner Landkarte verzeichnet, die ich bisher gesehen habe, scheint aber wirklich zu existieren. Die Hilfsorganisationen bekämen auf diesem Wege ihren Nachschub. Die zweite gute Nachricht: Es gibt auch ein turkmenisches Konsulat in Mazar. Der Umweg über Uzbekistan wäre damit also nicht notwendig.
weiter