Serakhs, Afghanistan, 19.03.2004 (62613 Kilometer)
Es ist das erste Mal auf dieser Reise, daß es in einem Land gefährlicher zugeht, als ich erwartet habe; stets hatte ich bisher das Risiko zu hoch eingeschätzt. Man hatte mich vor Albanien gewarnt, vor dem Jemen, vor Zimbabwe. Auch über Südafrika gibt es ja beliebige Horrorstorys. Die wildesten Geschichten kennen meist diejenigen, die noch nie dort waren.

Wir Otto-Normal-Dödel sind schwer manipuliert durch die Berichte in den Medien der Mächtigen. Eigentlich wissen wir das ja auch - aber verinnerlichen wir es wirklich? Glauben wir nicht am Ende doch wieder den Bildern der Kameras? Dieser Kameras, die mit ihrem engen Blickwinkel den Schein erwecken können, ein ganzes Land brenne, während die Objektive in Wahrheit nur auf einen kleinen Punkt fokussieren? Pakistan bilden sie zum Beispiel falsch ab. Und die Bevölkerung des Iran bringen diese Kameras in Mißkredit, indem sie hineinzoomen in eine Menge sich geißelnder Schiiten, daß es einem Angst und Bange werden kann ob eines scheinbar grenzenlosen Fanatismus. Die Nachricht von drei entführten Radlern in Belutschistan macht es dann komplett: Iran - nur etwas für Lebensmüde.
Umgekehrt habe ich den Eindruck, daß die Situation in Afghanistan durch einen allzu engen Blickwinkel beschönigt wird. Für die deutschen Medien scheint das Land nur aus Kabul und Kunduz zu bestehen. Was das Fernsehen daheim zeigt, weiß ich nicht, aber auf der "Deutschen Welle" - und auch auf der deutschen Welle - reist Heide Simonis nach Kabul, Joschka Fischer nach Kabul und Kunduz, Wieczorek-Zeul bleibt in Kunduz hängen, weil sie wegen Schlechtwetter über dem Hindukusch nicht nach Kabul fliegen kann. Einige Tausend deutsche Soldaten patrouillieren auf ein paar Quadratkilometern Afghanistan, und die Erfolgsmeldungen lauten, daß es dort jetzt ziemlich sicher sei.
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