Serakhs, Afghanistan, 19.03.2004 (62613 Kilometer) Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6 | Seite 7 | Seite 8 | Seite 9 | Seite 10 | Seite 11   Das Schlupfloch

Urplötzlich war es still geworden auf der Hauptstraße in Kabul. Zwar waren nach wie vor Fußgänger unterwegs, aber niemand redete mehr ein Wort. Als ich vor fünf Minuten in diese Straße einbog, fuhr gerade ein kanadisches Panzerfahrzeug auf, um deren Südostende abzusperren. Oben in der Luke saß ein Mann mit schwarzer Jacke und Sonnenbrille, der links und rechts die Finger an den Abzug automatischer Gewehre gelegt hatte. Der Drehkranz, in dem er saß, war so leichtgängig, daß ein kleiner Stoß zu reichen schien, daß er sich minutenlang gedreht hätte. Mr. Cool wirkte so gelassen, während er sich und seine beiden Gewehre hin- und herschwenkte, daß man den Eindruck haben konnte, in eine Open-Air-Spielhölle geraten zu sein.




Zunächst hielt ich das ganze noch für ein Routinemanöver. Doch als dann diese bedrückende Stille einsetzte, war klar, daß Ausnahmezustand herrschte. Vor einem großzügig angelegten Grundstück, in dem zurückgesetzt ein ebenso großzügig dimensioniertes Gebäude stand, waren weitere Panzer aufgefahren. Um dieses Gebäude schien alles zu gehen. Hatte sich darin jemand verschanzt? Oder fand dort ein Treffen hoher Politiker statt?

Zwei Soldaten, deren Nationalität ich nicht ausmachen konnte, hielten ihre Gewehre im Anschlag und zielten die Straße aufwärts in die Richtung, aus der ich kam. Als ich die Fahrzeuge passierte, verfolgten mich die Augen des linken Soldaten, ohne daß er aber den Kopf von seinem Gewehr wegdrehte. Er war sehr jung, und seine Augen riefen es unmißverständlich herüber: Er hatte Angst.

weiter

Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6 | Seite 7 | Seite 8 | Seite 9 | Seite 10 | Seite 11