Mazar-e-Sharif, Afghanistan, 05.03.2004 (61504 Kilometer)
Die Piste überschreitet die 3000-Meter-Marke. Lastwagen und Pkws haben längst Schneeketten aufgezogen. Bei 3300 Höhenmetern tauche ich ein in einen kilometerlangen Galerietunnel. Der geht schließlich direkt in den eigentlichen Salang-Tunnel über. Aus dem Tunneleingang quillt eine blaue Abgaswolke wie aus einem überdimensionalen Auspuff. "Keine Chance", geht es mir sofort durch den Kopf, "das hält man keine fünf Minuten aus."

Trotzdem will ich es versuchen. Als ich gerade ein paar Meter in den Tunnel eingefahren bin, kommt plötzlich ein Mann mit einer Pocketkamera von hinten herbeigelaufen. Er muß einem der Sammeltaxis entsprungen sein. Möchte gern ein Foto von mir machen. Das hat gerade noch gefehlt. Ja, los, mach schnell! Jede Sekunde zählt hier! Er drückt zweimal ab und verabschiedet sich freudestrahlend. Aber der Fotoprinter in Kabul wird ihm demnächst die Abzüge eines ziemlich angeätzt dreinschauenden Radlers ausspucken.
Gleich hinter dem Tunneleingang hängen zwei große Ventilatoren, doch sie stehen still. Funzelige Lampen an der Decke lassen immerhin die Unebenheiten der Fahrbahn erkennen, die hier aus recht gut erhaltenen Betonplatten besteht. Ich komme gut voran. Und kann viel besser atmen, als erwartet. Nach einem knappen Kilometer ist die Lichterreihe an der Decke zu Ende. Jetzt kommt diese häßliche Tunnelstimmung auf, dieses Gefühl, eingesperrt zu sein in einem tiefen Verlies. Dazu gesellt sich die unangenehme Akustik: Jeder Kleinwagen hört sich an wie ein Panzer, scheint schon direkt an deinem Hinterrad zu kleben, selbst wenn er noch 100 Meter entfernt ist. Aber ich kann atmen, das ist das wichtigste: atmen.
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