Yangon, Myanmar, 14.12.2003 (57383 Kilometer) Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6 | Seite 7 | Seite 8 | Seite 9 | Seite 10 | Seite 11 | Seite 12 | Seite 13 | Seite 14 | Seite 15 | Seite 16   Die Reisegruppe

Als wir mit den beiden hinteren Packtaschen durch sind, kommt der Chef dazu und beginnt die ganze Prozedur von vorn. Offenbar hatten seine Untergebenen versäumt, alles genau zu notieren. Das holt er jetzt nach, und damit wird es langsam grotesk. Der Mann angelt Ersatzteile für die Rohloff-Nabe heraus, die selbst ein deutscher Fahrradmechaniker nur nach einem Speziallehrgang benennen könnte, läßt aber trotzdem auch diese Dinge in seinem Heftchen notieren. Was schreiben seine Untergebenen wohl auf? Die Kringel und Kreise der burmesischen Schrift sind sehr malerisch, für mich aber unverständlicher als Hieroglyphen.

Mit zunehmender Dauer kommt mir der Verdacht, daß der Chef Geld für eine vorzeitige Beendigung seiner Kontrolle haben will. Doch ich habe keine Eile und gebe auch nicht seiner Anweisung nach, die zweite Tasche zu öffnen, bevor die erste wieder eingeräumt ist. Vielleicht wird es ihm sogar noch vor mir langweilig.



Im Norden Myanmars. Was im Hintergrund wie eine Autobahnbrücke aussieht, ist der 100 Jahre alte Gokhteik-Viadukt, über den die Eisenbahnlinie Mandalay-Lashio führt.

San Win versucht derweil die Frage der Übernachtung zu klären. In einer Stunde wird es dunkel. Von der Diskussion verstehe ich natürlich so wenig wie von den Kringeln im Notizheft, aber es scheint aus irgend einem Grund nicht gut zu sein in diesem kleinen Dorf. Wie schon an der chinesischen Grenze wirkt San wieder unsicher. Ich habe das Gefühl, er ist hier fast genauso fremd wie ich. Bereits an diesem ersten Tag begreife ich, was "Union of Myanmar" bedeutet: Dies ist ein loser Zusammenschluß von sieben Staaten und sieben Divisionen. Die Divisionen unterstehen direkt der Zentralregierung in Yangon, aber die Staaten haben ihre eigenen Regeln und weitgehende Autonomie. Einige von ihnen, so etwa der Shan State, in dem wir uns gerade befinden, haben sogar ihre eigene Armee.
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