Ruili, China, 17.11.2003 (56142 Kilometer)
In Lijiang kann man Postkarten kaufen, Filme für den Fotoapparat, Kräuter, getrocknetes Yakfleisch - aber keine Bremsfedern. Es gibt einige Fahrradgeschäfte, doch die verkaufen keine Ersatzteile. Ich müßte hier tatsächlich ein ganzes Fahrrad kaufen, um legal an so eine Feder zu kommen. Hans mailt mir aus Erlangen, daß auch in Deutschland nur komplette Bremssets zu kaufen sind. Wie lange werde ich wohl noch mit dem Expanderzug am Lenker weiterradeln müssen?

Dali hat auch viele Touristen und keine einzelnen Bremsfedern. Dabei ist es die größte Stadt auf den nächsten 2000 Kilometern. So ringe ich mich nun zu einer kleinen Schweinerei durch, die seit Lijiang schon reifte: Ich werde ein Fahrrad ausleihen und die Bremsfeder klauen. Der Verleiher wird den Weg zu einer neuen Bremsfeder bestimmt kennen.
Am Ende muß ich das Fahrrad nicht einmal selbst leihen, da eine Kanadierin ein paar Türen neben mir im "Old Dali Inn" eine Radeltour durch die Umgebung machen will. Bei der Wahl des Rades achte ich darauf, daß es auch gute Bremsen hat. Während unserer Tour fällt die linke Pedale ab, die seit Kilometern schon geknirscht hatte - das Rad ist doch ein Wrack! Wie gut. Die Hemmschwelle sinkt, vor der Rückgabe die wichtige Operation vorzunehmen. Der nächste Kunde wird wegen der fehlenden Feder keinesfalls in Gefahr kommen, er wird allerdings das Fahrrad ziemlich schnell zurückbringen, weil sich die Bremsbacken nach dem ersten Bremsen ja nicht mehr von der Felge lösen.
Das Gewissen ist freilich belastet. Am Morgen meiner Weiterreise wandert ein 10-Yuan-Schein in einen Briefumschlag, das ist die Leihgebühr für einen Tag. Auf dem Kuvert steht in Englisch: "Für die Bremsfeder des gelbroten Fahrrades". Das werden sie nicht sofort verstehen; jemand, der gut Englisch kann, wird es ihnen erst übersetzen müssen. Die Feder wird sie weniger als 10 Yuan kosten, allerdings müssen sie eine auftreiben. Höchstwahrscheinlich wird ihnen das gelingen. Notfalls finden sie aber auch jemanden, der ihnen so ein Ding schmiedet.
Der Besitzer des Verleihs schaut verwundert, als er den Brief in die Hand gedrückt bekommt. "Soll ich von einem anderen Traveller aus dem 'Old Dali Inn' übergeben", behaupte ich und fahre weiter.
Uff - so fühlt man sich doch gleich wieder besser. Ein gewisser Aberglaube, der mich hier in Asien angesteckt haben muß, spielte wohl auch eine Rolle. Man muß sich nämlich mit den Dämonen gutstellen, die auf so viele Dinge des täglichen Lebens Einfluß haben. Und es gibt viele Dämonen hier. Bestimmt auch einen, der Grenzüberschreitungen zwischen China und Myanmar beeinflussen kann.