Ruili, China, 17.11.2003 (56142 Kilometer)
Ausgerechnet in der extrem bergigen Landschaft östlich von Lijiang, in der die Bremsen so wichtig sind wie selten zuvor, bricht die Feder des vorderen rechten Bremsarms. Die Bremse löst sich nun nicht mehr von der Felge. So etwas ist mir bisher noch nie passiert, Ersatz habe ich nicht. Freilich wird sich in dieser dörflichen Gegend auch keiner auftreiben lassen. Nach einigem Grübeln kommt mir die Idee, wie sich die Feder durch einen Expanderzug ersetzen läßt: Unten am Low Rider eingehängt, um den Lenker geschlungen und dann zur Bremse geführt, erfüllt der Gummizug seine Aufgabe für die nächsten Tage ausgesprochen gut.

Durch eine Schlucht fällt die Straße zum Yangtze hin ab. In einem der kleinen Restaurants an der Brücke kann man sich stärken, bevor man die Wand auf der Westseite des großen Stroms in Angriff nimmt. Rund 1500 Höhenmeter sind zu bewältigen. Jenseits eines unscheinbaren Passes in 2800 Metern Höhe geht es dann wieder ein wenig bergab - in das Hochtal um Lijiang.
Lijiang ist touristisch, das wußte ich. Allerdings hatte ich mir den Rummel in den Altstadtgassen so heftig nicht vorgestellt: Lijiang ist das chinesische Rothenburg ob der Tauber. Die meisten Besucher kommen aus China selbst und aus Korea und Japan. Als ich auf dem Marktplatz stehe, um mich zu orientieren, eilen immer wieder Asiaten herbei, die sich mit mir fotografieren lassen wollen. Ein Pärchen, das auf dem Marktplatz nicht zum Zuge kommt, fängt mich später in einer Seitengasse ab. Sie baut sich neben mir auf, er löst seine teuere Spiegelreflexkamera ein paarmal aus. Dann sind die beiden auch schon wieder weg. Sie haben nicht einmal gefragt, woher ich komme. Zu Hause werden sie wahrscheinlich erzählen, das sei sie zusammen mit dem Amerikaner, der von Peking nach Moskau radelte.
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