Kuta, Timorsee, 20.03.2003 (43603 Kilometer) Seite 1 | Seite 2 | Seite 3 | Seite 4 | Seite 5 | Seite 6   Timorsee

Am Morgen unserer Abreise kommt eine uniformierte Dame an Bord, die Zoll- und Immigrations-Angelegenheiten in einer Person erledigt. Ob sie wohl bereits einen roten Vermerk neben meinem Namen auf der Crew-Liste hat: "VISUM ABGELAUFEN - VIER WOCHEN ÜBERFÄLLIG!"? Die vorzeitige Verlängerung hätte mehr als 200 Mark gekostet, und ich hätte sie schon in Brisbane beantragen müssen, als noch nicht sicher war, daß ich wirklich länger als drei Monaten in Australien bleiben würde.

Doch die Dame kommt friedlich. Nichts Schlimmes geschieht. Am Flughafen, wo die Beamten direkt am Computer sitzen, wäre das ganze vielleicht eher aufgefallen. Ein satt getränkter Ausreisestempel saust nieder in meinen Paß und schließt das Kapitel "Australien" ab.



Am ersten Tag liegen wir wie ein Regattaboot im Wind.

Mit viertägiger Verspätung brechen wir auf. Cyclone Craig ist nach Südosten abgewandert, nur ein leichter Sturm hatte Darwins Palmen für einen halben Tag etwas gebeutelt. Jetzt steht der Wind günstig. Die Segel sind prall gebläht, das Boot liegt so schief im Wasser, daß man unter Deck mehr über die Wände wandert als über den Fußboden. Für die Zeit, in der gekocht wird, müssen wir aus dem Wind heraussteuern. Der Herd ist zwar - wie auf Yachten üblich - hängend gelagert, damit er immer senkrecht steht, aber die Köche würden bei der Schräglage an der gegenüberliegenden Wand kleben, und beim Öffnen des Kühlschranks wäre der im nächsten Moment leer.

Die gleichmäßige Schräglage ist jedoch wesentlich angenehmer, als seinerzeit die Schaukelei über den Atlantik, die mich für eine halbe Woche völlig außer Gefecht gesetzt hatte. Diesmal spüre ich nur leichte Übelkeit, die dann ganz verschwindet, als während des zweiten Tages der Wind abnimmt und das Boot wieder einigermaßen im Lot auf der Erdkugel steht. Unsere Geschwindigkeit sinkt von rund neun Knoten auf unter sechs. Phil wirft zur Unterstützung den Motor an.

In der folgenden Nacht wache ich in meiner Koje auf, bevor ich mit der Wache an der Reihe bin. Oben auf dem Deck herrscht Unruhe. Als ich den Kopf ins Freie recke, streckt Yves seinen Arm nach Osten aus: "Schau, was für eine schöne Skyline wir haben!" Im Nordosten und hinter uns, im Osten, glitzern die hellen Lichter großer Ölplattformen. Für die Unruhe aber hat die verlassene Plattform vor uns gesorgt. Sie ist vollkommen unbeleuchtet, jedoch bei dem Vollmondlicht gut zu erkennen. Wir steuern exakt darauf zu.

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