Valparaiso, Chile, 04.09.2002 (34926 Kilometer)
Die beiden Beamten müssen 20 Tage in dieser Abgeschiedenheit aushalten, bis sie abgelöst werden. Alle vier Monate kommt mal ein Ausländer vorbei, sagen sie. - Ihre Hütte ist recht wohnlich ausgestattet mit einem Ofen, der den Raum auf 15 Grad aufheizt, einem Fernseher, den die Solaranlage versorgt und einer gasgeheizten Dusche. Abends laden sie mich zum Essen ein, was ich gern annehme, denn meine Vorräte gehen zur Neige. Jedesmal, wenn sie zu einem Brötchen greifen, lange ich auch zu. Beim ersten Mal bestreiche ich es mit Marmelade, beim zweiten Mal lade ich Wurst-Tomaten-Salat auf. Danach sind sie leider satt. Vermutlich haben sie genug Lebensmittel, daß sie auch noch ein drittes Brötchen abgeben könnten, aber ich möchte ihre Gastfreundschaft nicht strapazieren.
Bevor ich im Nebengebäude in den Schlafsack krieche, öffne ich die kleine Dose Leberwurst aus Bella Vista und löffele den Inhalt mit Salzkeksen heraus. Jetzt bleiben mir noch 200 Gramm Erdnüsse und eine Rolle Kekse.

Am nächsten Morgen starte ich gleich mit den ersten Sonnenstrahlen. Der Paß erweist sich als knüppelhart. Drei Stunden dauert es, bis das Rad durch den verdammten Sand hinauf auf 4600 Meter gezerrt ist. Ich bin am Rande meiner Kräfte, vollkommen ausgepumpt. Zum ersten Mal beteilige ich mich an der Sitte, einen Stein auf die Steinpyramide an der Paßhöhe zu legen. Es ist halb Ehrfurcht vor der Natur, halb Aberglaube, daß mir in dieser Einsamkeit etwas zustoßen könnte, wenn ich es nicht tue. Trotz der Erschöpfung brauche ich jetzt einen klaren Kopf für die Abfahrt mit ihren tückischen Sandlöchern.
An Collacagua und seinem letzten Einwohner radele ich vorbei. Der Ort liegt ein paar Kilometer von der Hauptpiste entfernt. Dann wird das Wellblech so ausgeprägt, daß ich streckenweise wieder schieben muß. Als endlich der kleine Salar de Huasco erreicht ist, sind es nur noch wenige Kilometer bis zu einer quer verlaufenden Asphaltstraße, die aus den Anden hinunter in das Tiefland führt.
Dort unten ist eine andere Welt. Elektrizität, Autos auf den Straßen, Supermärkte, die einem die Wahl schwer machen, und viele Menschen mit europäischen Gesichtern. Ein Mann begegnet mir an diesem Abend, der etwas Ähnlichkeit mit mir hat: gleiche Größe, gleiche Haar- und Augenfarbe, ähnliche Gesichtszüge. Die Augen sitzen allerdings in sehr tiefen Höhlen. Außerdem ist er mager, beängstigend mager, als hätte er Aids im fortgeschrittenen Stadium. Und fünf oder zehn Jahre älter ist er. Er begegnet mir im Hostal "Espejismo". Dort haben sie etwas, was ich schon lange nicht mehr gesehen habe: einen Spiegel.