Bella Vista, Bolivien, 3.08.2002 (33022 Kilometer)
Ein paar Hundert Meter weiter führt ein schmaler Weg hinauf zu den Häusern, von denen der Franzose sprach. Wie ein Amphibienfahrzeug wechselt das Fahrrad vom weißen See wieder auf Festland mit brauner Erde. In einem der gefühlvoll in die Natur eingepaßten Steingebäude gibt es spartanische Gästezimmer. Sie werden selten benutzt, da all die Gruppenreisenden bis zum Abend wieder zum Ufer des Salars zurückkehren. Nur drei Menschen werden diese Nacht auf der Insel verbringen: Aurelia, die Hüttenwirtin, Antonia, die drei Mark Inseleintrittsgebühr von jedem Gast eintreibt, und ein Fahrradfahrer aus Deutschland.
Vor dem Sonnenuntergang mache ich noch einen Spaziergang durch die Kaktuswälder. Ein phantastische Szenerie: diese starren, stacheligen Figuren, die ihre Arme zum Himmel erheben, als wollten sie eine Fürbitte unterstreichen, der heftige, kalte Wind, der urplötzlich eingesetzt hat, und um die Insel herum diese weiße Weite, die nach aller Lebenserfahrung eigentlich nichts anderes sein kann als eine verschneite Ebene. Viele der Kakteen sind uralt. Ein Gigant ist zwölf Meter hoch und wird auf 1200 Jahre geschätzt.

Als die Sonne verschwunden ist, wird es bitterkalt. Während Aurelia einen Berg Reis kocht, der am Ende mit zwei Spiegeleiern gekrönt werden wird, mache ich, in eine Decke eingehüllt, vor der Küchenbaracke Tagebuchnotizen. Der letzte Eintrag an diesem Abend: Die Sonnenbrille kann man sich sparen.
Nachts um zwei Uhr wache ich auf. Die Augen schmerzen, als scheuerten Sandkörner unter den Lidern. Das Sandkorn unter dem rechten Lid ist größer als das am linken Auge. Auf der rechten Seite war während des Tages die Sonne an mir vorbeigewandert. Bei geöffneten Augen läßt der Schmerz nach, aber sobald ich die Lider wieder schließe, brennt es höllisch.
Als die Kerze angezündet ist, erkenne ich die Umgebung nur in einem engen Sichtkreis. Die Ränder sind verschwommen. Die Flamme der Kerze glitzert wie beim Blick durch einen Effektfilter. Verdammt noch mal! Ein Tag auf dem Salar kann doch nicht ausreichen, um einen halbblind zu machen!?