Anamur, Türkei, 08.11.2000 (5495 Kilometer)
Im Hochland geht alles viel türkischer zu als in Istanbul. Nicht Hektik, nicht die Suche nach dem schnellen Geld bestimmen den Alltag, sondern Gelassenheit und die Sehnsucht nach Ruhe. Einige Männer sind noch traditionell mit den Sackhosen gekleidet, deren Schritt nicht genau auszumachen ist, in jedem Fall aber bis unter die Kniee reicht. Viele Frauen tragen lange Kleider, lange Mäntel und Kopftücher. Beim Anblick dieser Kleidung ist man leicht dazu geneigt, an Rückständigkeit zu denken. Aber spätestens, wenn ein klingelndes Handy unter dem Mantel hervorgeholt und zum Kopftuch geführt wird, erkennt man, daß auch die Provinz nicht im Mittelalter lebt.

Handies und Internet-Cafes sind der Renner in der Türkei. Einen Anschluß ans Web findet man in jeder Kleinstadt. Sogar in einer der Tuffsteinhöhlen Kapadokiens kann man inzwischen online gehen. Jens, ein Traveller aus Koblenz, meinte, es sei der schnellste Anschluß gewesen, den er in der ganzen Türkei erlebt hat. Wahrscheinlich, weil er allein in dieser Höhle am Terminal saß.
Gewöhnlich ist man in den Internet-Cafes nämlich von Horden von Kids umgeben, die nicht im Internet surfen, sondern sich aggressiven Computerspiele hingeben. Zu Gruppen miteinander verbunden, schießen sie sich gleichzeitig und gegenseitig tot und legen dabei das interne Netz lahm. Während du gelangweilt dasitzt, weil deine Übertragung keinen Fortschritt macht, knallt und kracht es rechts und links und hinter dir ohrenbetäubend, hörst du Verwundete schreien und Sterbende stöhnen. Für friedliche Mails ist da kein Platz. Überall in den türkischen Internet-Cafes herrscht Krieg!