Tirana, Albanien, 27.09.2000 (2251 Kilometer) Seite 1 | Seite 2 | Seite 3   Ein alter Traum

Erst nach ein paar weiteren Kilometern taucht der eigentliche Grenzübergang auf. Während mein Paß für längere Zeit im Gebäude verschwindet, fragt einer der Beamten wiederholt nach den Papieren für das Fahrrad. Immer wieder schlage ich auf meine Oberschenkel: "Das hier ist die Maschine. Keine Papiere." Nach einer Weile gibt er Ruhe.

Der Ausweis läßt lange auf sich warten. 150 Meter vor mir weht bei der nächsten Schranke die rote albanische Flagge mit dem Doppeladler. Und die da drüben lassen einen jetzt einfach so rein? Ohne Visum? Ohrid 1984 kommt mir immer wieder in den Sinn - das verschlossene Land da hinten am anderen Ufer.

So nah wie heute war ich Albanien noch nie.

Der Paß kommt zurück, man wünscht mir alles Gute. Im Niemandsland setze ich die letzten zwei Mark aus Montenegro bei albanischen Bierschiebern in zwei Dosen Niksicko-Pivo um. Ihr Combi-Benz ist fast bis zum Achsbruch mit Bierpaletten vollgestopft.



Martialisches aus kommunistischer Zeit an der Front des Nationalmuseums.

An einem winzigen Schalter nimmt dann ein albanischer Beamter meinen Reisepaß entgegen. Ein Entry- und ein Exit-Kärtchen kommen zurück. Als die beiden Formulare ausgefüllt sind, folgt ein schwerer Anschlag auf meine Reisekasse: Der Einreisestempel kostet satte 37 Dollar!

Das Geld ist schnell eingestrichen (es gibt sogar eine offizielle Quittung mit Datum und Unterschrift), der Stempel ist sogleich im Paß.

Wenig später rollt das Fahrrad die ersten Meter über albanischen Boden! Ein einzelner Blitz zuckt vorn rechts über den Bergen zur Begrüßung. 16 Jahre später - nun bin ich also doch in Albanien!

Das anfängliche Mißtrauen gegenüber den Menschen - bedingt durch die vielen Warnungen in Deutschland und selbst aus der Deutschen Botschaft in Tirana, die von einer Radreise durch dieses Land abriet -, dieses Mißtrauen wird aufgrund der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft vieler Albaner in den kommenden Tagen schnell abgebaut.

Einer dieser gastfreundlichen Menschen ist Beni, ein gut deutsch sprechender Albaner, den ich in Tirana kennenlerne. Ab dem Moment unseres Zusammentreffens fühlt er sich für mich gewissermaßen verantwortlich.

Beni hat unter dem kommunistischen Regime besonders gelitten. Sein einziger Bruder wurde 1984 bei dem Versuch, von Südalbanien schwimmend nach Korfu zu fliehen, erschossen. Fischer, so sagt Beni, hätten den Leichnam in ihren Netzen gefunden. Das war in genau dem Jahr, in dem ich am Strand von Korfu stand und so sehr davon träumte, in Albanien sein zu dürfen.

ENDE

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