Tuzi, Montenegro, 22.09.2000 (2098 Kilometer)
Übermorgen wählen Montenegro und Serbien einen neuen Präsidenten. Was nach einer wahrscheinlichen Abwahl Milosevics passieren wird, mag keiner vorhersagen. Offen ist auch noch die Frage, ob Montenegro im Verbund mit Serbien bleibt oder sich loslöst. Jedenfalls stehen dem Land heiße Tage bevor. Ich will unbedingt noch vor dem Wahltag nach Albanien ausreisen.
Allerdings ist mir auch Albanien nicht ganz geheuer. Nur Schlechtes hört man überall, Warnungen der Art: Dort herrscht die Anarchie - sie werden dir alles klauen - du kannst froh sein, wenn du mit dem Leben davon kommst.
Etwa zehn Kilometer vor Tuzi, nahe der Grenze, verirre mich in dem Geflecht schmaler Teerstraßen. Im nächsten Dorf frage ich eine Männergruppe, die im Freien an einem Tisch sitzt, nach dem Weg. Safet steht auf und begrüßt mich in Deutsch. Er hat zehn Jahre in Dortmund gearbeitet und ist vor wenigen Monaten in seine Heimat zurückgekehrt. "Obwohl ich mit einer Deutschen verheiratet war, bekam ich immer wieder zu spüren, daß ich ein Ausländer bin".
Er lädt mich zu einer Cola ein, erklärt mir den Weg und trägt die Namen der beiden letzten Orte vor der Grenze in die Landkarte ein. Zum Thema "Albanien" meint er: "Mach dir keine Sorgen. Die Albaner sind okay. Schlechte Leute gibt es überall, auch in Deutschland. Die Albaner sind arm, aber sie haben ein reiches Herz." Dabei faßt er sich an die Brust.

Die anderen am Tisch machen allem Anschein nach eher abfällige Bemerkungen zu Albanien.
Ein Alter kommt vorbei. "Albania" ruft er - und schießt mit einem imaginären Gewehr knapp vor meine Füße. Dabei lacht er verächtlich.
Safet winkt ab: "Das ist mein Onkel. Der hat keine Ahnung. Er hat sein Leben lang nur Kühe in diesem Dorf umhergetrieben. - Mach dir keine Sorgen. Du wirst durch Albanien gut durchkommen."
"Das glaube ich eigentlich auch. Schön, daß mal jemand was Positives über Albanien sagt."
"Da drüben herrscht die Mafia", warnt einer am Tisch. - Ich erzähle ihm, daß in Rijeka genau das gleiche über Montenegro gesagt wird.
Safet wiegelt wieder ab: "Mach dir keine Sorgen."
Wirklich ermutigend. Der erste, der nicht von der Reise durch Albanien abrät!
Ein herber Dämpfer allerdings zum Schluß. Beim Abschied sagt Safet: "Aber wenn doch etwas geschieht, gib alles her!".