Von Erlangen nach Äthiopien (Teil II)
 

Sechs Uhr morgens, Sonnenaufgang über den Lehmhütten von Wadi Halfa. Das Fahrrad ist bepackt, alles fertig für den Aufbruch in die Nubische Wüste. "Wie fühlst du dich?", fragt Ziad, mit dem ich während der vergangenen Tage mein kleines Zimmerchen im "Nile Hotel" geteilt habe. Ich antworte ihm wortlos, indem ich mit der Faust vor der Brust Herzklopfen andeute.

Doch schiefgehen sollte eigentlich nichts. Verlorengehen werde ich nicht, denn die 370 Kilometer lange Wüstenetappe verläuft entlang der Bahnlinie nach Abu Hamed, und auf halber Strecke liegt die Bahnstation No. 6, an der es auch Wasser gibt. Selbst wenn mir das Fahrrad unterwegs zusammenbricht, kann ich immer noch auf den Zug hoffen, der in fünf Tagen aus der Hauptstadt Khartoum entgegenkommen soll.

Nein, Angst habe ich nicht. Aber es prickelt. Mein letztes Frühstück in Wadi Halfa - wie gestern, vorgestern und vorvorgestern Bohnen mit Fladenbrot - hat damit doch ein wenig den Charakter einer Henkersmahlzeit. Dann geht es los. Good bye Ziad, tschüß Wadi Halfa - Start in die Nubische Wüste.

Eine Piste, wie sie in der Michelinkarte neben der Bahnlinie eingezeichnet ist, existiert in dem Sinne nicht. Es gibt ein paar Reifenspuren, die streckenweise die Gleise begleiten, die sich dann aber wieder so weit entfernen, daß ich sie nicht mehr ausmachen kann. Bei schwierigen Passagen kehren ganze Spurenbündel zurück, mitunter haben die Autofahrer gar die Schienen zwischen die Räder genommen.

 

Wenig Abwechslung in der Nubischen Wüste.

Den festen Bahndamm als Hilfestellung zu benutzen, erweist sich auch für mich als die beste Taktik: Wenn der Sand zu stark geriffelt ist, zu tief oder von Gestein durchsetzt, hebe ich das Rad zwischen die Schienen, um kilometerlang über die von einer dünnen Sandschicht bedeckten Schwellen zu reiten, langsam zwar, aber immer noch schneller als ein Fußgänger.

Lange Abschnitte lassen sich jedoch, mit reduziertem Reifendruck, auf der Sandebene gut fahren. Allerdings ist sie mit ihrer dünnen Kruste zerbrechlich wie zartes Eis, das unter den Rädern wegbricht, wenn ich stehenbleibe, das Gewicht aber trägt, solange ich fahre. Sobald diese empfindliche Schicht nur im geringsten verletzt ist - etwa von Kamelhufen oder von Reifenspuren - ist Vorsicht angeraten. Dies sind Stellen, an denen das Vorderrad manchmal urplötzlich einsinkt, was zum abrupten Stillstand und mehrmals auch zu einem Sturz führt. Zum Anfahren muß ich dann stets auf den Bahndamm zurückkehren, von dem ich mich erst wieder auf den Sand wagen kann, wenn ein ausreichendes Tempo erreicht ist.