Von Erlangen nach Äthiopien (Teil I)
 

"Agala, Agala, Agala, Agala!" schreit der ägyptische Polizist wieder und wieder in sein Feldtelefon am Straßenrand: "Agala!" Entweder ist der Kollege am nächsten Kontrollposten schwerhörig, oder er will es nicht glauben. "Ja doch - ein Fahrrad! Bei mir steht einer mit einem Fahrrad!"

Im Land der Sphingen und Pharaonen herrscht Nervosität. Besonders hier, in der Gegend um Asyut, wo sich der Terror islamischer Fundamentalisten konzentriert. Nachdem bei dem jüngsten Attentat eine britische Reisende ums Leben gekommen ist, haben die Behörden die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verstärkt. Hubschrauber fliegen jetzt über dem Nil Patrouille, aus dem Sinai wurden mehrere hundert Soldaten hierher verlegt, und die Niluferstraße ist gesäumt von bewaffneten Männern, die in ihren langen, nachthemdähnlichen Umhängen aussehen wie ägyptische Bauern, tatsächlich aber der Zivilpolizei angehören.

Zehn Minuten nach dem aufgeregten Telefonat fährt ein Kleintransporter mit Blaulicht vor. Zu dritt heben wir meinen Drahtesel auf die Ladefläche, ich nehme auf dem Radkasten Platz, dann geht die Fahrt los. Allerdings nur für 14 Kilometer. Denn schon am nächsten Kontrollposten darf ich wieder aussteigen und weiterradeln. Als hätten wir mit diesem kurzen Stückchen das Gefahrengebiet hinter uns gelassen!

Aber was soll´s, die vielen Bewaffneten werden schon auf mich aufpassen. Außerdem schweben nach kurzer Zeit bereits wieder zwei Maschinengewehre hinter mir her, aufgepflanzt auf das Heck eines Polizeiwagens, der mich begleitet, seit ich ihn überholt habe. Mit Tempo 25 eskortiert er mich bis zum nächsten Posten.

 

Camels on Tour.

Dort erneut helle Aufregung: So langsam dahinschleichend, ist ein Radfahrer den Fundamentalisten doch geradezu auf dem Tablett serviert! Ab auf den Transporter! Und wieder nur ein paar Kilometer weitergereicht bis zum nächsten Checkpoint.

So geht es an diesem Tag über hundert Kilometer in acht oder neun Etappen: Meistens werde ich transportiert, manchmal eskortiert - immer schön brav von einem Posten an den folgenden übergeben. "Gibt es hier Probleme?" frage ich jedesmal beim Umsteigen, obwohl ich die Antwort ja kenne. "Nein", lügt man mich an, und wie eingetrichtert folgt stets die Beteuerung: "Es ist nur zu Ihrer Sicherheit."

Südlich von Asyut verabschieden sich meine Bodyguards - ich bin wieder frei. Unbewacht fahre ich am nächsten Tag durch das Städtchen Qena, 200 Kilometer von Asyut entfernt und damit weit weg von dem als gefährlich geltenden Gebiet. Mir fallen keinerlei Sicherheitsvorkehrungen auf. Nur zwei Tage später sendet das Fernsehen Bilder aus Qena: sechs Deutsche beim Beschuß eines Reisebusses zum Teil schwer verletzt. Der Terror in Ägypten weitet sich aus.