Mit dem Fahrrad durch den Nahen Osten
 

Es ist still.

Still und vor allem unheimlich.

Ein mächtiger Maschenzaun mit Stacheldrahtkrone begleitet die Straße jetzt schon über einen Kilometer. Er teilt eine "andere" Seite ab, die genauso öde und kahl ist wie die, auf der ich mich befinde. Die hochsommerliche Sonne strahlt auf beide Seiten gleichermaßen nieder - als hätte sie nicht schon längst der Erde den letzten Tropfen Wasser entrungen. Was möchte man mit dieser Trennungslinie nur schützen? Die Gegend ist doch trostlos und verlassen. Keine Menschenseele zu sehen.

Dennoch, ich fühle mich beobachtet. Ich wage nicht anzuhalten oder gar von meinem Drahtesel abzusteigen. Sonst könnte ich vielleicht schon mal den Finger durch den Zaun stecken und den Boden drüben berühren, arabischen Boden, syrisches Land, das hier an den Süden der Türkei grenzt. Aber solche Gefühlsduseleien verkneift man sich lieber. Grenzen sind in dieser Region Heiligtümer.

So drehen sich die Pedale weiter. Mit jeder Umdrehung rückt Deutschland mehr und mehr in die Ferne; es ist weit weg - in jeder Beziehung: über 4000 Kilometer, eineinhalb Monate, und in meinen Gedanken ...

 

Die Blaue Moschee in Istanbul.

Der Tag des Aufbruchs scheint mir länger als sechs Wochen zurückzuliegen. In meiner Heimatstadt Hildesheim gab mir damals der Oberbürgermeister ein Grußschreiben mit auf die Reise, das ich unserer ägyptischen Partnerstadt El Minia überbringen sollte. Eine nette Geste gegenüber den fernen Freunden. Bis hierher reihten sich dann zahllose Erlebnisse aneinander: Erholungsurlaub am ungarischen Plattensee - Abblitzen an der bulgarischen Grenze - die beiden Anläufe, bis man mich in Istanbul die Bosporus-Brücke radelnd überqueren ließ - die Gastfreundschaft in der Türkei - Göreme mit seiner Mondlandschaft - der Diebstahl meiner Schecks - und entlang des Weges Menschen und Natur, so anders als bei uns zu Hause.