Auf dem Dach Afrikas - Zehn Wochen durch Ätihopien
  Wo immer ich stehenbleibe, kommen die Männer und suchen nach der makina. Einer zeigt auf die zusammengerollte Isomatte auf dem Gepäckträger und schaut mich fragend an: "Der Motor?" Dann deutet er auf die Wasserflasche: "Für's Benzin, oder?" Ein anderer vermutet einen Fernseher in dem kleinen Ding am Lenker, das meine Kilometer zählt.     Isabelle hatte ihre Fotoausrüstung wohlweislich in der Unterkunft zurückgelassen. Bestimmt nicht ganz leicht für eine professionelle Fotografin, den größten Markt Afrikas ohne ihr Handwerkszeug zu besuchen. Auch sonst trug sie nichts Wertvolles bei sich. Nur ein paar Birr-Noten klebten an ihrem Busen unter dem T-Shirt. Sie kamen erst später, beim Kauf eines tönernen Kaffeekännchens, aus diesem unantastbaren Versteck zum Vorschein. Das Kaffeekännchen konnte sie dann offen mit sich herumtragen. So etwas klaut keiner auf dem Mercato.

Auch ich hatte anstelle der teuren Pentax nur eine kleine Sucherkamera mitgenommen. Die lag jetzt fest in meinen Fingern, als handele es sich um einen Klumpen aus purem Gold.

Und all diese Vorsicht war gut so. Wir waren gerade erst in die Gassen des Mercato eingebogen, da passierte, womit man überall in Addis, besonders aber auf diesem großen Markt rechnen muß: Irgendjemand rempelt von links, und unwillkürlich wendet sich der eigene Blick in diese Richtung. Im selben Moment greift ein anderer auf der rechten Seite an die Hosentasche, feinfühlig, daß es im Vergleich zu dem Schlag von links allenfalls ein sanftes Streicheln ist. Nur weil in mir sofort ein Verdacht aufsteigt, spüre ich es. Aber ehe ich den Kopf herumgerissen habe, sind alle Beteiligten schon wieder fort, in der unüberschaubaren, quirligen Menge untergetaucht. Erbeutet haben sie nichts - wegen des Reißverschlusses an der Hosentasche.  
Die mit Jacaranda-Bäumen bestandene Churchill Road ist die Hauptstraße Addis Abebas

 
Abgesehen vom alltäglichen Taschendiebstahl ist Addis Abeba allerdings eine für afrikanische Verhältnisse sehr sichere Hauptstadt. Überfälle, wie sie in Nairobi, Lagos oder Johannesburg auch am hellichten Tag normal sind, gibt es hier selbst nachts nur selten. Ganz allgemein ist die Stadt ausgesprochen bequem. Hier läßt es sich leben. Das Klima in 2400 Metern Höhe ist angenehm für einen Europäer, fast ist es abends gar ein bißchen zu kühl. Überfüllt von Ausländern - Diplomaten, Geschäftsleuten, Entwicklungshelfern, Angehörigen verschiedenster Welt- und Afrika-Organisationen -, bietet Addis Abeba in seinen Geschäften alles, was man für ein luxuriöses Leben braucht. In den Restaurants begegnet man Gerichten aus allen Gegenden des Globus.